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Beteiligung an der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht

 

 

Artikel aus der Jülicher Zeitung vom 09.11.2018:


Linnich. Viele Menschen versammelten sich am Standort der ehemaligen Synagoge in der Nordpromenade zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden „unsere Mitmenschen aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen, vertrieben, gequält oder ermordet.


Menschen, die hier in Linnich lebten, Menschen wie du und ich, die hier in der Nordpromenade ihr Gotteshaus besuchten, um zu beten“, wie es die Linnicher Bürgermeisterin Marion Schunck-Zenker ausdrückte.


Vor diesem Hintergrund lud sie ein, vor dem geistigen Auge einen Blick in das einstige Gotteshaus zu werfen, das man zu den Gebets- und Gottesdienstzeiten durch drei große Eichenholztüren betreten konnte. Hüte und Zylinder wurden in den Garderobenecken links und rechts des Haupteingangs abgelegt.


Im Innenraum der Synagoge waren vom Mittelgang her Eichenholzbänke in runder Formation angeordnet, die 50 Personen Platz boten. Jeder Platz war mit einem aufklappbaren Pult für Gebetsbuch und -schal ausgestattet. Für die Kinder befand sich links eine Sitzbank ohne Pult, den Frauen war eine Empore vorbehalten. Von der vorne platzierten „Bima“ (Kanzel) aus wurde im Gottesdienst jeweils ein bestimmter Abschnitt aus der Thora vorgelesen.


Der Bau der Linnicher Synagoge war nach modernen Gesichtspunkten geplant, so war die „Heilige Lade“ (Thoraschrein) in Linnich nicht nach Osten ausgerichtet, sondern befand sich zentral vor den Bänken im Blickfang der Gläubigen. Sprüche und Verse in verzierter hebräischer Schrift schmückten die weißen Wände. Vier große siebenarmige Kupferleuchter umfassten die Bankreihen, drei große kupferne Leuchter hingen von der sternförmigen Decke herab. Weil kein Gemeindemitglied das Gesetz der Sabbatruhe brechen durfte, zündete Nachbarin Magdalena Vomberg freitagabends die Leuchter an.


Erwähnenswert ist laut Marion Schunck-Zenker zudem: „Es gab in Linnich wirklich ein Miteinander von Christen und Juden. Und dennoch brannte auch hier bei uns am Morgen des 10. November das jüdische Gotteshaus inklusive der Kunstschätze, wie der antike, zweisitzige und reich verzierte Beschneidungsstuhl. Die Feuerwehr durfte ohnmächtig nicht eingreifen." Ähnlich ergreifend wie der rückblickende Besuch des geschändeten Gotteshauses war der Beitrag des Geschichtsvereins in Form eines Berichtes einer Zeitzeugin, die mit der schönen jüdischen Schneiderstochter Lieselotte befreundet war. Die Zeitzeugin beschrieb zunächst die Trennung der Mädchen in jüdische und katholische Schule, dann den „gelben Stern auf dem Mantelkragen“, berichtete von den Aufforderungen „Kaufe nicht bei Juden“, vom Verbot, die Stadt zu verlassen. Letztlich wurden die Juden in der Kirchberger Villa Buth „zusammengepfercht“ und fanden in Konzentrationslagern einen qualvollen Tod. In welchem KZ Lieselotte zu Tode kam, war nicht einmal bekannt.


Weitere Themenbeiträge bei der Gedenkveranstaltung kamen aus den Reihen der Realschule, Pfarrerin Wiebke Harbeck und ihres katholischen Kollegen Marian Mertens – mit begleitendem Gebet durch die Geistlichen. Zusammengefasst wurde einerseits die Wichtigkeit des lebendigen Gedenkens, das stets hinterfragt werden muss, verbunden mit dem Blick nach vorn. Zum anderen die Hintergründe der von langer Hand geplanten Tat und Bezüge zur heutigen Politik.


„Erinnern ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung dieser Qual“, zitierten die Realschüler den österreichischen Lyriker Erich Fried.


Zum Gedenken legte die SPD Linnich einen Kranz nieder, der Posaunenchor der evangelischen Kirche Linnich spielte unter Leitung von Christa Stenzel. Textblätter wurden gereicht, so konnte zu drei Stücken mitgesungen werden, etwa zu „Gib Frieden, Herr, gib Frieden“ zu der Melodie von „Befiehl du deine Wege….“ Zum Ausgang der Gedenkfeier stimmten die Blechbläser den italienischen Hymnus „Alta Trinita Beata“ an.


(ptj)